Spielzeugfreier Kindergarten Ermschwerd

Ermschwerd


Im städtischen Kindergarten Ermschwerd ist ein außergewöhnliches Projekt angelaufen, bei dem die Kleinen drei Monate lang eigene Ideen und Phantasien verwirklichen können und sollen.


Stefan Forbert, Witzenhäuser Allgemeine:

Die Regale waren gestern Vormittag schon leer, in den Schränken klafften große Lücken, und etliche Brett- und Würfelspiele, Autos und Bausteine verschwanden gerade in großen Umzugskisten. Die 40 Kinder des städtischen Kindergartens in Ermschwerd haben zwei Tage lang Ihr gesamtes Spielzeug ausgeräumt, verpackt und unter der Treppe beziehungsweise in der Turnhalle gelagert.
Warum haben die Kleinen denn alles weggeräumt? ,,Weil das Spielzeug in Urlaub geschickt wird“, begründet Florian, der gerade fünf Jahre alt geworden ist, die Aktion. Traurig war eigentlich niemand, weder die Wichtel, noch die Zwerge. Nur, womit wollen die Kleinen ab sofort spielen? ,,Dann bauen wir mit Kissen und Decken und Tüchern", weiß die dreijährige Johanna Rat. Und ein Knirps neben ihr ergänzt: ,,Und mit Stühlen und Tischen"
,,Spielzeugfreier Kindergarten" nennt sich das außergewöhnliche Projekt, dessen Idee auf einem Elternabend vor einem Jahr geboren wurde. Die Kinder wollen, was auch notwendig ist, alle mitmachen. Und von den Eltern waren nur ein paar wenige am Anfang skeptisch, sagt Kindergartenleiterin Claudia Holubeck. ,,Wir probieren es einfach aus", meint sie zuversichtlich.
Wie wird es laufen? ,,Da sind wir selbst auch gespannt“ spricht sie für Gruppenleiterin Christa Kaiser und die beiden Vorpraktikantinnen Ina und Shazia mit. ,,Es wird bestimmt sehr laut werden am Anfang", glaubt Holubeck die die Aktion auch als Herausforderung an die Erzieherinnen sieht, ,,mal alles zu überdenken".

 

Projekt zum Schutz vor Sucht

Das Projekt, das bis Mitte Juni dauern soll, stammt aus dem Bereich der Suchtprävention in Bayern. ,,Es ist dort oft durchgeführt und auch wissenschaftlich abgesichert worden", betont Harald Nolte von der Fachstelle für Suchtpräventlon in Eschwege. Der Sozialpädagoge begleitet die Aktion aus suchtvorbeugender Sicht.
Heutige Suchtprävention will durch frühzeitige pädagogische Einflussnahme mögliche Ursachen von Sucht verhindern helfen, so Nolte. Da gehe es nicht nur um illegale Drogen, sondern auch um legale Stoffe wie Alkohol, Medikamente und Tabak. ,,Auch süchtige beziehungsweise suchtartige Verhaltensweisen wie zum Beispiel übermäßiges Essen, Fernsehen, Videospielen werden einbezogen." Ziel des Projektes ist, Kinder gegen süchtiges Verhalten, legalen und illegalen Drogenkonsum und -missbrauch zu schützen. Der Hauptgedanke, der aus der Suchtforschung erwachsen ist: Wer sein Leben selbstständig und selbstbestimmt meistert, zufrieden lebt und bewusst konsumiert, wird auch seltener Suchtprobleme bekommen.

 

Konkret im Kindergarten:

Spielzeug und Spielangebote von Erwachsenen aus dem Alltag für einen begrenzten Zeitraum herausnehmen ist eine Methode, eine Situation zu schaffen, in denen Kindern Zeit- und Spiel-Räume geschaffen werden.
In denen können sie dann möglichst unabgelenkt Ihre eigenen Ideen und Phantasien verwirklichen, um Erfahrungen mit ihren Möglichkeiten und Grenzen zu machen. So könnten sie ,,Lebenskompetenz" als wirksamsten Schutzfaktor gegen Sucht entwickeln.

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